Trump kann uns abklemmen: So groß ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA
In Washington zeigten am 12. Juni 2026 die Uhren 17. 21 an, als die US-Regierung den KI-Konzern Anthropic PBC anwies, seine neuesten Versionen Claude Fable 5 und Mythos 5weltweit abzuschalten. Das Exportverbot. . .

In Washington zeigten am 12. Juni 2026 die Uhren 17. 21 an, als die US-Regierung den KI-Konzern Anthropic PBC anwies, seine neuesten Versionen Claude Fable 5 und Mythos 5weltweit abzuschalten. Das Exportverbot galt unmittelbar. US-Präsident Donald Trump hatte angeblich Sicherheitsbedenken. Fable 5 kann als KI-Agent komplexe Software programmieren und Finanzanalysen erstellen. Mythos 5 spürt Sicherheitslücken in der IT-Architektur von Unternehmen auf, um sie zu verbessern. Erst drei Tage zuvor hatte Anthropic seine neuesten Modelle ausgeliefert. Trump befürchtete, dass feindlich gesonnene Staaten vor allem Mythos 5 gegen die USA zur Spionage und Sabotage einsetzen würden. Doch nun können auch die deutschen Betreiber kritischer Infrastrukturen (KRITIS) etwa aus den Sektoren Energie, Wasserwirtschaft oder Telekommunikation ihre IT-Systeme nicht mehr verbessern. Mit einem Knopfdruck hatte Trump sein Embargo verhängt und somit auch die Anthropic-Kunden in Deutschland und der EU abgeklemmt. „Kill Switch“ nennt man so etwas. Elon Musk, Google, Meta: Marktmacht der US-KonzerneClemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts, hat angesichts des Anthropic-Vorfalls vor einerexistenziellen Bedrohungder europäischen Wirtschaft durch die Abhängigkeit von den USA bei Künstlicher Intelligenz gewarnt. Auf dem Feld der KI sind die Amerikaner uns meilenweit voraus. Neben Anthropic dominieren Nvidia bei KI-Chips, Alphabet mit Google-Gemini und als KI-Cloud-Anbieter oder Microsoft mit Cloud-Infrastruktur, KI-Copilot für Bürosoftware und Großinvestor bei OpenAI. Alle mit einem Marktwert von über drei Billionen US-Dollar. Dazu kommen die großen KI-Forschungslabore wie OpenAI (ChatGPT, Sora), xAI von Elon Musk (Grok) und eben Anthropic. Die beiden europäischen KI-Buden Mistral AI (Frankreich) und Aleph Alpha (Deutschland) sind jeweils nur rund 20 Milliarden Euro wert. Der Vorteil der beiden für Industrie und Verwaltung aber wäre, dass deren KI-Modelle vergleichsweise energieeffizient arbeiten und sich dabei datenschutzkonform verhalten. Doch da deutsche und europäische Unternehmen, Behörden und Haushalte seit Jahrzehnten überwiegend auf amerikanische Hard- und Software setzen, ist es eben bequemer, auch deren KI-Anwendungen gleich mitzukaufen. Die digitale Abhängigkeit ist also selbstgewählt – und extrem hoch. Telekom, Linux, SAP: Gleichwertiges Angebot aus der EUNach einerStudie im Auftrag des EU-Parlamentsstammen 70 Prozent aller EU-Cloud-Speicher von US-Unternehmen wie Google, Microsoft oder Amazon. 73 Prozent aller europäischen Computer laufen mit dem Betriebssystem Microsoft Windows. Zu 85 Prozent verwenden deutsche Unternehmen als Büro-Software Microsoft Office/365 und zu neun Prozent Google Workspace. Tatsächlich wäre für Unternehmen ein Umstieg auf europäische IT-Lösungen möglich. Telekom, Ionos oder die Schwarz-Gruppe bieten Cloud-Speicher an. Linux ist seit Jahrzehnten die finnische Antwort auf Windows, und LibreOffice bietet als Open Source die gleichen Funktionen wie Excel, Word und Powerpoint. Auch für MS Teams gibt es viele europäische Varianten. SAP als Tool für Wirtschaftsplanung ist ohnehin Weltmarktführer aus Deutschland. Der IT-Berater Dante Emilio Grassi hat eigens eineinteraktive Landkartezu europäischen Tech-Alternativen publiziert. Das europäische Angebot ist also da. Man muss es nur nutzen. Unabhängigkeit: Von der Leyen wendet sanfte Gewalt anDoch Unternehmen fürchten die kurzfristigen Kosten einer Systemumstellung. Zwar ist deutschen Unternehmern lautUmfrage des Branchenverbands Bitkomdie IT-Abhängigkeit von US-Anbietern bewusst, aber eine aufwendige Umstellung scheut man noch. So fühlen sich zwar 90 Prozent der deutschen Unternehmen von Digital-Importen abhängig und besonders von den USA bei Cloud-Diensten und Software (75 Prozent). Aber es überwiegt die Angst vor den Kosten bei IT-Migration, Mitarbeiterschulungen und neuen Fachkräften. Und natürlich spielen Trägheit der Manager, Marktmacht der US-Hersteller und deren Lobbying auch eine gewichtige Rolle. Mario Draghi, Ex-Chef der Europäischen Zentralbank, überreicht EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im September 2024 seinen Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit Europas: 900 Milliarden Euro müssten in die europäische Wirtschaft fließen, um gegen die USA und China bestehen zu können. © IMAGO/Wiktor DabkowskiEU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) will daher sanfte Gewalt anwenden. Anfang Juni stellte sie einPaket für technologische Souveränitätvor: Mit einer langfristigen Strategie und zwei Gesetzesinitiativen will die Kommission Europa bei Halbleitern, KI, Cloud und Open Source weiter nach vorne bringen. Von der Leyen: „Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die unsere Krankenhäuser am Laufen halten, unsere Energienetze stabil halten und unsere Dienste sichern, von anderen abhängig zu sein. “ Letztendlich will man europäische Ressourcen gezielt bündeln, um ein gleichwertiges Angebot mit ausreichender Marktmacht aufzubauen. Im Prinzipähnlich wie beim Airbus-Projekt, das mindestens so gute Flugzeuge hervorbringt wie der US-Konkurrent Boeing. Doch KI und Software sind nur ein Thema. Denn die Abhängigkeit von den USA ist nicht nur bei den digitalen Dienstleistungen hoch. Visa, LNG, Pharma – Trumps strategische ExporteDie nackten Zahlen lassen auf den ersten Blick keine bedrohliche Abhängigkeit erkennen. Schaut man auf die deutsche Handelsbilanz, so stehen zwar China und die USA als Partner ganz oben, doch mehr als die Hälfte des gesamten Im- und Exportgeschäfts macht Deutschland mit EU-Mitgliedern. DerBlick auf die Bilanzzeigt auch, dass Deutschland 2025 mit 147 Milliarden Euro wesentlich mehr in die USA exportiert als importiert, nämlich nur 94 Milliarden. Während rund zehn Prozent der deutschen Exporte in die USA fließen, stammen etwa sieben Prozent der deutschen Importe aus den Vereinigten Staaten. Doch es geht bei den Einfuhren weniger um Whiskey, Erdnussbutter oder Motorräder, sondern um strategisch empfindliche Handelsgüter. Zum Beispiel Finanzdienstleistungen:Wer kennt außer Visa, MasterCard oder American Express auch einige nichtamerikanische Kreditkartenfirmen? Mit welcher Plattform außer PayPal kann man noch schnell online bezahlen?Zum Beispiel flüssiges Erdgas LNG:Zwar deckt Deutschland laut demEnergieverband BDEWnur etwa zehn Prozent seines Erdgasverbrauchs aus LNG, aber dieses landet in Brunsbüttel, Mukran und Wilhelmshaven zu 95 Prozent aus den USA an. Oder Pharmazie:Die USA sind führend bei der Entwicklung moderner Biopharmazeutika oder mRNA-Technologien. Die „Biologics“ machen einen Großteil der modernen Therapien gegen Krebs oder seltene Krankheiten aus. Mit gut 15 Milliarden Eurosind US-Pharmazeutikamittlerweile die größte Importgruppe. Handelsstreit: Trump sitzt am längeren HebelDoch es sind nicht nur spezielle Importgüter, die Abhängigkeiten deutlich machen. In die USA gehen eben auch zehn Prozent der deutschen Exporte – ein Riesenbrocken. So kann man vielleicht etwas die Wut des US-Präsidenten verstehen, wenn man sich die Handelsbilanz von seiner Warte aus ansieht. Mit Deutschland haben die USA ein gigantisches Handelsdefizit: Neue US-Zölle und ein Rahmenabkommen drückten 2025 den Überschuss von 70 auf etwas über 50 Milliarden Euro. Ein klarer Erfolg der „America First“-Strategie. Doch in Deutschland schmerzt das vor allem Autoindustrie, Maschinenbau und Chemie. Um auf dem US-Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, zahlen deutsche Exporteure die Zölle oft aus eigener Tasche, was die Margen drückt. Und die Trump-Vorgabe „Local for Local“ führt dazu, dass deutsche Unternehmen Fabriken und Arbeitsplätze in die USA verlagern. Die EU reagierteletztes Jahr mit einem Deal, der wiederum die Abhängigkeit an anderer Stelle vergrößerte: Die EU kauft bis 2028 LNG für 650 Milliarden Euro, im Gegenzug deckeln die USA ihre Zölle auch auf deutsche Autos bei maximal 15 Prozent. Doch nun will Trump bei Autos denZoll auf 25 Prozenterhöhen. So entstehen unkalkulierbare Risiken, die die Abhängigkeit von den USA nicht nur vergrößern, sondern gefährlich machen. Samina Sultan und Jürgen Matthes vomInstitut der deutschen Wirtschaft(IW Köln) empfehlen ein „De-Risking“ und neue Handelspartner: „Um unabhängiger vom US-Absatz zu werden, gilt es, Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit Schwellenländern schnell abzuschließen. Dazu braucht die EU mehr Pragmatismus, kreative Lösungen zur Gewinnung auch protektionistischer Partner wie Indien und Indonesien sowie einen gezielten, aber entschiedenen Umgang mit Widerständen aus der Landwirtschaft. “Kein„Independence Day“für DeutschlandMarktmacht bedeutet auch politische Macht, die Elon Musk, Marc Zuckerberg und die anderen Raubtiere des KI-Zeitalters zusammen mit Donald Trump gnadenlos ausnutzen. „Was sich als libertäres Denken ausgibt, ist so letztlich nicht mehr als Ausdruck des Strebens nach uneingeschränkter Macht“, sagen Alexandra Paulus und Daniel Voelsen von derStiftung Wissenschaft und Politik. Paulus und Voelsen raten den EU-Mitgliedern daher, als ein fester Block Widerstand zu leisten, wissen aber auch, dass dies in einem heterogenen Europa nicht einfach wird, und warnen daher vor den „Gefahren europäischer Uneinigkeit“. Fazit: Die Wahrscheinlichkeit für einen „Kill Switch“, angeordnet aus dem Weißen Haus, steigt. Es wird für Deutschland und die EU hier keinen raschen „Independence Day“ geben, da sich die bestehenden Abhängigkeiten von den USA nicht über Nacht reduzieren lassen. Zudem sind wir ökonomisch auf den US-Markt mit 350 Millionen Konsumenten angewiesen. Doch man kann vorbauen, sich stark machen, weitere Märkte identifizieren und Handelsabkommen à la Mercosur schließen. De-Risking statt De-Coupling. Der Umstieg auf Linux, Klarna oder Aleph Alpha ist schon jetzt möglich. Lesen Sie mehr zum Thema