USA 1776: Das finstere Herz der Amerikanischen Revolution
Unzählige Male ist die Geschichte der dreizehn amerikanischen Kolonien, die sich vom Mutterland Großbritannien lösten, schon erzählt worden. Selten war das frei von patriotischem Kitsch. Erfolgreiche. . .

Unzählige Male ist die Geschichte der dreizehn amerikanischen Kolonien, die sich vom Mutterland Großbritannien lösten, schon erzählt worden. Selten war das frei von patriotischem Kitsch. Erfolgreiche Revolutionen gehören eben zur nationalen Folklore. Jetzt, 250 Jahre danach, wird „Happy Birthday America“ noch intensiver begangen als ohnehin schon jedes Jahr am 4. Juli. Der Komplexität der Ereignisse von damals werden solche Feiern nicht immer gerecht. Man kann das Epochenereignis, von der Unabhängigkeitserklärung 1776 bis hin zum Verfassungskonvent von 1787, auch anders erzählen, jenseits von schlichter Heldenverehrung. Sarah M. S. Pearsall, Professorin für Geschichte an der John Hopkins Universität, nahm sich vor, die Revolution von damals neu in ihrer Zeit zu verorten, indem sie sie mit zahlreichen Menschen und Orten überall auf der Welt in Beziehung setzte. Das Hauptmotiv ihres Buches „Freiheit. Eine neue Geschichte der amerikanischen Revolution“ ist: Die Amerikaner waren nicht die ersten oder einzigen Menschen dieser Zeit, die ihre Unfreiheit beklagten und dagegen rebellierten, auch wenn sie oft behaupten, sie seien die Einzigen gewesen. Im späten 18. Jahrhundert war der revolutionäre Geist im gesamten britischen Empire lebendig. Der Kampf gegen Unterdrückung, der Freiheitsgedanke, beschäftigte die verschiedensten Völker rund um den Globus und verband sie miteinander. Doch nur die wenigsten Amerikaner wissen heute Bescheid über die Hilfe, die sie von den indigenen Kämpfern in Amerika, Asien und Afrika erhielten, die britische Ressourcen abzogen. Globaler Blick auf die EreignisseDer Vorteil von Pearsalls Methode ist schon nach kurzer Lektüre erkennbar: Aus der globalen Perspektive werden Verbindungen erkennbar, die längst vergessen sind oder bis jetzt übersehen wurden. Pearsall kann so die schon angestaubte Geschichte von den Gründungsvätern der USA als einer „Gruppe verstimmter älterer Herren, die grummelten: ‚Runter von meinem Rasen!‘“, neues Leben einhauchen. Die Revolution war mehr als nur der Konflikt zwischen der Regierung des englischen Königs George III. und den nordamerikanischen Siedlern. Sie war verknüpft mit weltweiten Modernisierungsprozessen. So beginnt bei Pearsall jedes der Kapitel außerhalb der dreizehn Kolonien. Nicht die ikonischen Orte wie Philadelphia oder Boston dominieren die Erzählung, sondern Orte wie Kalkutta, St. Kitts, Anomabu, Quebec, Hessen-Kassel, Havanna und Guangzhou. Alte Helden werden durch neue ersetzt, es sind Frauen, Sklaven, Indigene. Sie alle kämpften für bessere Lebensbedingungen, ihre Rufe nach Freiheit befeuerten Veränderungen, die allzu oft nur der politischen Revolution der Kolonisten zugeschrieben wurden. Diese entfachten nur ein besonders helles Feuer, das die Menschen auf der ganzen Welt in Staunen versetzte. Freiheitsideen von SklavenhalternEin afroamerikanischer Soldat namens Prince Simon, der in der Armee George Washingtons kämpfte, verkörpert die ganze Ambivalenz des Geschehens. Er war möglicherweise selbst noch Sklave oder hatte mit ziemlicher Sicherheit versklavte Freunde oder Verwandte, das war in den amerikanischen Kolonien legal. Dieser Soldat trug bei den Schlachten ein Horn bei sich, um Schießpulver in sein Gewehr zu füllen. Unter den Schnitzereien auf diesem Horn war auch ein Vogel, der ein Banner mit der Aufschrift „Liberty“ trug. „Freiheit“ war also ein Schlachtruf für einen Soldaten wie diesen, der gegen die Macht des britischen Empire kämpfte, doch für einen Schwarzen war es wohl eher eine Hoffnung als eine Realität. Freiheit war also ein widersprüchlicher Wert. Einer der Gründungsväter war Thomas Jefferson, der Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung. Er schrieb hier die Forderungen nach einem universellen Recht auf „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ hinein, war aber selbst wie auch George Washington Sklavenhalter und sah offenbar keinen Widerspruch darin, andere Menschen in Knechtschaft zu halten. Das war nach Pearsall eine der Ambivalenzen der Revolution: „Sie feierte die Macht des Volkes, während sie gleichzeitig die Interessen einer begrenzten Anzahl elitärer weißer Männer vertrat. Sklavenhalter traten für ihre eigene Freiheit ein – die ihrer Sklaven aber mit den Füßen. “ Der Begriff der Freiheit, ihre Verankerung in der Unabhängigkeitserklärung, machte sie bis heute zu einem grundlegenden Wert der USA. In etlichen Fällen wurde sie freilich zur „Freiheit zu herrschen“. Viele amerikanische Indigene weigerten sich, ihre Unterdrückung zu akzeptieren und kämpften für ihre Autonomie. Im heutigen Detroit erregte damals ein Urteil Aufsehen. Eine indigene Frau wurde gehängt, die Anklage: Sie habe ihren Herrn ermordet. Niemand machte sich die Mühe, ihren Namen zu notieren, doch der Fall sorgte bei den Vertretern des Empire aus Imagegründen für Unruhe. Warum hat sie ein schmachvolles Ende am Galgen riskiert? Was ihre Tat erklärt, ist die extreme sexuelle Gewalt, die Frauen von ihren Herren erlitten. Die Übergriffe der Siedler galten den Opfern als Angriffe auf eine ganze Nation. Indigene gegen koloniale GewaltÖffentliche Hinrichtungen, zusammen mit Kerkern und Peitschen, den anderen Symbolen kolonialer Unterdrückung, erzürnten die Native Americans. Sie hatten gemeinsam eine Welt aufgebaut, die systematisch zerstört wurde. Nun schufteten sie bis ans Ende ihres Lebens an der Seite von Menschen afrikanischer Abstammung, sie fühlten sich wie diese, wie Sklaven. Ein britischer Autor schrieb damals: „Kein Volk auf Erden ist von der Idee der Freiheit mehr erfüllt als die nordamerikanischen Indianer. “ Die sogenannten Six Nations, denen das Land gehörte, begannen zu kämpfen, um die Briten aus ihrer geliebten Heimat zu vertreiben. Die Geschäftsleute und Spekulanten dieser Zeit hatten es auf ihre fruchtbaren Ländereien abgesehen und versprachen sich davon Profite. Einer von ihnen war George Washington. „Sein Verhalten auf indigenem Territorium lässt ihn nicht gerade von seiner besten Seite erscheinen“ (Pearsall). Es ist wenigen bewusst, dass der Widerstand indigener Frauen und Männer gegen koloniale Übergriffe und Gewalt, ihre Weigerung, sich wie Sklaven behandeln zu lassen, auch zum Kampf für eine andere Welt zu zählen ist. Was die Autorin hier unternimmt, sind Vorstöße in das finstere Herz der Amerikanischen Revolution. Für jedes der Kapitel in dem Buch hat die Historikerin ein Schlüsselwort aus der Unabhängigkeitserklärung ausgesucht. Jedes davon bestimmte das Verhalten bestimmter Menschen. Eines dieser Schlagworte der Revolte war „consent“ (Zustimmung). Die Zustimmung der frei geborenen Bürger Englands zu einem Gesetz galt als Grundlage für eine gerechte Regierung. Die Kolonien waren nie konsultiert worden, und es gab auch keine Abgeordneten des Londoner Parlaments, die die kolonialen Interessen vertreten hätten. Das Paradoxe lag darin, dass viele solcher Aussagen ausgerechnet von Sklavenhaltern kamen. Der wirtschaftliche Erfolg der karibischen Zuckerrohrinseln wie Jamaika und St. Kitts beruhte auf der riesigen Zahl versklavter Afrikaner. Eine winzige grüne Karibik-Insel, die die meisten Menschen nicht einmal auf einer Karte finden, St. Kitts, erzählt ebenfalls eine Vorgeschichte der Revolution. Ein aufgebrachter weißer Mob drohte, einen britischen Regierungsbeamten, einen Steuereinnehmer, zu lynchen. Man hatte in London bei der Einführung der Stempelsteuer („Stamp Act“) den kolonialen Widerstand unterschätzt. Der Widerstand reichte von der Karibik bis in den Norden nach Kanada. Kein Tee aus IndienAuch der Welthandel, etwa mit Asien, spielte nach Pearsall eine Rolle. Die East India Company herrschte de facto über 20 Millionen Menschen in Bengalen. Die Gewalt, die in Kalkutta anlässlich einer Hungersnot 1770 herrschte, entsetzte viele im britischen Empire. Die amerikanischen Siedler wussten von dieser Katastrophe und hörten, dass der Teeüberschuss der EIC an sie verkauft werden sollte. Sie befürchteten, dass sie als Nächste auf der Liste für eine Übernahme durch die Company stünden, wenn sie von ihr Tee kauften. Die Boston Tea Party, bei der Tee von den Schiffen ins Meer geworfen wurde, war also nicht nur ein lokales Ereignis, es verband Boston mit dem Geschehen in Asien. Ebenso spannend ist der Blick der Historikerin auf die deutsche Region Hessen-Kassel. Hier heuerte der englische König Söldner an, um sie über den Atlantik zu schicken, „wie man Vieh an den Schlachter verkauft“, so die Quellen, wohl wissend, dass die Deutschen fern der Heimat verwundet oder getötet werden würden. Der Blick auf das Globale hilft, so Pearsall, dabei, den längst überholten amerikanischen Exzeptionalismus zu korrigieren. Sarah M. S. Pearsall:Freiheit. Eine neue Geschichte der Amerikanischen RevolutionRowohlt Verlag, 419 Seiten, 35 Euro