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Vor fünf Jahren legen die USA in Kabul das perfekte Abzugschaos hin

Während der 20 Jahre dauernden Besatzung der US-Armee am Hindukusch sollte es nie eine Exit-Strategie geben. Das musste sich rächen. Wie schon im April 1975 in Südvietnam waren die Amerikaner überfordert mit einem geordneten Ausstieg

Von @derfreitag · · 7 min Lesezeit

Vor fünf Jahren legen die USA in Kabul das perfekte Abzugschaos hin

In den USA sprechen die Regierung, Militärs und Denkfabriken selten von einer „Niederlage“ im 20 Jahre dauernden Krieg in Afghanistan. Doch ohne diesen Begriff lässt sich kaum beschreiben, wie der vor fünf Jahren zu Ende ging. Eingeordneter Abzug ist etwas anderesals das, was damals in Kabul geschah. Die Taliban nahmen die Hauptstadt im Handstreich ein, weil sich dieAfghanische Nationalarmee (ANA)auflöste, und beherrschen seither das Land. Der letzte Soldat hieß Chris DonahuePlaceholder image-1„Chaotisch“ ist das Adjektiv, werden die Tage und Stunden vor dem 30. August 2021 beschrieben, als mitten in der Nacht der letzte US-Militärtransporter vom Hamid-Karzai-Flughafen in Kabul abhob – es war der letzte Evakuierungsflug. An Bord des riesigen C-17-Transporters saßen Hunderte Menschen, darunter US-Botschafter Ross Wilson und GeneralChris Donahue, der letzte Soldat des US-Krieges in Afghanistan. Es gab Vergleiche zu Ende April 1975, als Hubschrauberdie letzten Amerikaner vom Dach der US-Botschaftin Saigon ausflogen und auf wartende Schiffe vor der südvietnamesischen Küste brachten. In die Maschinen, die Kabul verließen, drängten Tausende von Afghanen, die mit den USA kooperiert hatten und nun um ihre Existenz und ihr Leben fürchteten. Durch die ersteTaliban-Herrschaftvon 1996 bis 2001 wusste man von Fundamentalismus und einer repressiven Frauenfeindlichkeit. DieFernsehbilder aus Kabul zeigten Verzweifelte, die in die Evakuierungsflieger wollten. In einem Fall klammerten sich Menschen an die Tragflächen einer C-17 und fielen herunter, als die Maschine abhob und an Höhe gewann. Die Rache für 9/11 sollte auch Afghanistan treffenJames DeHart, Beamter des State Department vor Ort, spricht in seinen Erinnerungen von „apokalyptischen Szenen“. Marineinfanteristen und Stacheldraht sollten die Menschen zurückhalten. 13 US-Uniformierte und eine unbekannte Zahl von Afghanen kamen ums Leben, als ein Attentäter am 26. August am Eingang zum Abbey Gate eine Bombe hochgehen ließ. Donald Trump hat diese „Helden der US-Streitkräfte“ am vierten Jahrestag des Abzugs 2025 gewürdigt. Er fand, die „Tore der Hölle“ hätten sich geöffnet „an einem der dunkelsten Tage in der Geschichte unserer Nation“. Als Oberkommandierender der Streitkräfte werde er einen solchen Verrat nie wieder zulassen. Mehr als 100. 000 Menschen sollen in der zweiten Augusthälfte 2026 ausgeflogen worden sein. Das war es dann nach zwei Jahrzehnten Krieg in Afghanistan, zu dem sich der republikanische Präsident George W. Bush (2001–2009) entschlossen hatte, unmittelbar nach den Al-Qaida-Anschlägen auf das Welthandelszentrum in New York und das US-Verteidigungsministerium am 11. September 2001. Al-Qaida musste zerstört, die in Afghanistan regierenden Taliban als deren mutmaßliche Helfer sollten entmachtet werden. Es war eine komplexe Stimmung damals in den USA in den Tagen nach dem Zusammenbrechen der Zwillingstürme. Man fühlte sich vereint in Trauer und Entsetzen, es gabGefühle der Rache und des Hassesauf „den Islam“, zugleich mancherorts ein Nachdenken, wie die USA reagieren sollten. Die Menschen strömten in Gottesdienste und suchten im Gebet Trost und Frieden. Die Toten mahnten umsonstLetztendlich fand Bushs Kriegspolitik bei einer großen Mehrheit Zustimmung. Nur eine einzige Abgeordnete, die Demokratin Barbara Lee aus Kalifornien, stimmte gegen die Resolution zur Ermächtigung des Präsidenten, mit Waffengewalt gegen die vermeintlich Schuldigen an 9/11 vorzugehen, auch vorbeugend, um alle „künftigen Handlungen des internationalen Terrorismus“ zu verhindern. Lee warnte, die USA sollten sich nicht auf einen zeitlich unbegrenzten Krieg ohne Exitstrategie einlassen. Sie erinnerte an einen desaströsen Kongressbeschluss aus dem Jahr 1964. Damals hatte die Tonkin-Golf-Resolution das militärische Eingreifen in Südvietnam legitimiert. Der dadurch ausgelöste Krieg sollte bis Mitte der 1970er Jahre dauern. Mehr als 58. 000 Namen gefallener US-Soldaten stehen heute auf der schwarzen Granitmauer des Vietnam-Memorials in Washington. In Indochina – Nord- und Südvietnam, Kambodscha und Laos – kamen geschätzt drei Millionen Menschen ums Leben, durch Napalm und Bomben, die Kampfhandlungen am Boden, durch Entlaubung der Wälder, Folter und Massaker. Reis, Erdnussbutter und KekseTatsächlich schwor Präsident Bush nach 9/11 die Welt auf einen langen Krieg ein, und SPD-Kanzler Gerhard Schröder verkündete „eine uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA. „Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit al-Qaida, hört aber damit nicht auf“, so Bush am 20. September 2001. Am 7. Oktober erklärte er: „Auf meinen Befehl hin haben die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Angriffe auf terroristische Trainingslager von al-Qaida und auf militärische Einrichtungen des Taliban-Regimes in Afghanistan begonnen. “Placeholder image-2Seine Regierung legte Wert auf die Feststellung, man führe keinen Krieg gegen Afghanen, nur gegen die Taliban und al-Qaida. Schon in der ersten Bombennacht habe die Air Force Lebensmittelpakete abgeworfen mit Reis, Erdnussbutter und Keksen. Der Krieg lief anfangs gut. Die Taliban wurden schnell aus Kabul und Kandahar vertrieben. ImMärz 2003 begann Bushnoch einen weiteren Krieg, diesmal gegen den Irak, angeblich wegen dort lagernder „Massenvernichtungswaffen“, die in Wirklichkeit nie existierten. Drei Präsidenten nach Bush – Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden – erbten die Folgen der Invasion gegen Afghanistan. Mehr als 800. 000 US-Soldaten waren seit 2001 im Einsatz. 2. 400 kamen ums Leben, mehr als 20. 000 wurden verwundet. NATO-Länder leisteten Beistand. Auf der Website der Bundeswehr heißt es, 93. 000 deutsche Soldatinnen und Soldaten seien im Einsatz gewesen. Einige der Frauen und Männer waren mehr als einmal am Hindukusch, „wo sie sich für Freiheit und Demokratie einsetzten“. Obama konnte die letzte „positive“ Meldung machen, als er am 1. Mai 2011 kurz vor Mitternacht in Washington bekanntgab, Spezialeinheiten hätten den für 9/11 verantwortlichen Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad erschossen. Doch hatte dieses gezielte Töten nicht das Ende des Krieges zur Folge. Mit der Arroganz einer Supermacht tat die US-Regierung so, als könne sie das Land umbauen zu einem Musterstaat am Hindukusch, als würden die Menschen einer Besatzung folgen, die sich als befreiende Macht in Szene setzte, aber ihr Leben nicht verbesserte. Im Gegenteil, viele Afghanen wurden Opfer tödlicher Luftangriffe und nächtlicher Razzien. Wie schon beim Vietnam-Krieg irregeführtHeute wird Donald Trump vorgeworfen, er habe kein realistisches und klar definiertes Endziel gegen den Iran. In Afghanistan stellte sich das kaum anders dar, allerdings war die dortige Militärpräsenz ein überparteiliches Unterfangen. 2011 stieg die Zahl der nach Afghanistan verlegten Militärs auf 110. 000 und erreichte damit unter dem Präsidenten Barack Obama (2009–2017) den höchsten Wert. Die Forscher des National Security Archive haben auf ihrer Website Regierungsdokumente eingestellt, denen sich im Detail entnehmen lässt, was passiert ist auf dem Weg zu Kollaps und überstürzter Evakuierung 2021. Die US-Regierung habe „das amerikanische Volk beinahe zwei Jahrzehnte lang in die Irre geführt“ mit Berichten von Fortschritten und die „unangenehmen Wahrheiten über anhaltendes Versagen in vertraulichen Kanälen versteckt“, heißt es da. Zitiert wird ein Memo des kommandierendenGenerals Stanley McChrystalvom August 2009: Die kommenden zwölf Monate seien entscheidend. Sollten die USA nicht die Initiative an sich reißen, während die „afghanische Sicherheitskapazität reift“, riskiere man, dass es „nicht länger möglich ist, den Aufstand zu besiegen“. Unter den National-Security-Archive-Dokumenten finden sich auch Papiere des Generalinspekteurs für den Wiederaufbau Afghanistans, die von derWashington Postunter Verweis auf das Informationsfreiheitsgesetz erstritten wurden. Sie enthalten Interviews mit etwa 400 Militärs, Diplomaten und Beratern. Darin ist häufig die Rede von Korruption. Joe Biden musste liefernRepublikanische Politiker machten Joe Biden verantwortlich für die anarchischen Zustände auf dem Flughafen Kabul im August 2021. Als Urheber eines solchen Abzugs sollte man freilich Donald Trump nicht vergessen, der in seiner ersten Amtszeit (2017–2021) im Februar 2020 das Doha-Abkommen mit den Taliban aushandeln ließ. Es verpflichtete die USA zum vollständigen Truppenabzug, während die Gegenseite versicherte, sie werde nicht zulassen, dass „Individuen oder Gruppen, einschließlich al-Qaida, Afghanistan nutzen, um die USA zu bedrohen“. Die standen vor der Präsidentenwahl im November 2020. Trump, der den Abzug versprochen hatte, verlor, also musste Biden ihn vollziehen. Dessen Außenminister Antony Blinken meinte unmittelbar nach der Evakuierung, „ein außerordentliches Kunststück der Logistik und Koordination“ sei gelungen. Ein neues Afghanistan-Kapitel habe begonnen. Die USA würden es mit Diplomatie bestreiten, man habe einen Plan.

Quelle: freitag.de

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