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Warum in den USA Bücher aus Bibliotheken verschwinden | Tiroler Tageszeitung Online

In den USA werden Tausende Bücher aus Bibliotheken entfernt. Betroffen sind vor allem queere Literatur und Texte, die sich mit Rassismus beschäftigen. Besonders heftig wird der Kulturkampf in Florida geführt. Bestsellerautorin Lauren Groff hält mit einer eigenen Buchhandlung dagegen.

Von Tiroler Tageszeitung · · 7 min Lesezeit

Warum in den USA Bücher aus Bibliotheken verschwinden | Tiroler Tageszeitung Online

In den USA werden Tausende Bücher aus Bibliotheken entfernt. Betroffen sind vor allem queere Literatur und Texte, die sich mit Rassismus beschäftigen. Besonders heftig wird der Kulturkampf in Florida geführt. Bestsellerautorin Lauren Groff hält mit einer eigenen Buchhandlung dagegen. Gainesville – Die verbotenen Bücher stehen gleich am Eingang. Wer Lauren Groffs Buchhandlung „The Lynx“ in Gainesville betritt, kommt am großen dunkelgrünen Regal kaum vorbei. Darüber steht in weißen Buchstaben: „Banned Books“. Darunter finden sich Anthony Burgess’ Klassiker „Uhrwerk Orange“, Stephen Chboskys populärer Coming-of-Age-Briefroman „Vielleicht lieber morgen“ oder Stephenie Meyers „Twilight“-Reihe über liebestolle Vampire und eifersüchtige Werwölfe. Die genannten Werke tauchen in den Erhebungen zu Buchverboten immer wieder auf. Häufiger Vorwurf: Ihre Inhalte seien für Kinder und Jugendliche ungeeignet. Auch Groffs Bücher waren bereits Ziel von Verbotsversuchen. „Licht und Zorn“ war 2015 für den National Book Award nominiert, „Die weite Wildnis“ stand auf der Bestsellerliste derNew York Times. Florida als BrennpunktFlorida, wo die 48-Jährige mit ihrer Familie lebt, gehört zu den Brennpunkten des Kulturkampfs um vermeintlich gefährliche Lektüren. Im Schuljahr 2024/25 wurden dort 2304 Verbots- oder Beschränkungsfälle registriert – mehr als in jedem anderen Bundesstaat. Zum dritten Mal in Folge lag Florida damit an der Spitze. Unter dem republikanischen Gouverneur Ron DeSantis wurden seit 2022 mehrere Gesetze beschlossen, die Einsprüche gegen Bücher in Schulen erleichterten. Dazu kamen organisierte Kampagnen und Druck auf Schulbehörden und Bibliotheken. DeSantis und seine Regierung weisen den Vorwurf der Zensur zurück. Es gehe darum, Kinder vor ungeeigneten oder sexuellen Inhalten zu schützen und Eltern mehr Mitsprache zu geben. Margaret Atwood verfasste „Report einer Magd“ – ein besonders oft von konservativen Gruppen angefeindetes Buch. © IMAGO/Jeff McintoshBedrohte Bücher„Eine wie Alaska“ von John Green147 Fälle seit 2021:Der Internatsschüler Miles verliebt sich in die rätselhafte Alaska. Nach ihrem Tod sucht er nach Antworten und kämpft mit Trauer und Schuld. John Greens Roman ist das seit Beginn der Erhebung am häufigsten verbotene oder beschränkte Buch an US-Schulen. „Vielleicht lieber morgen“ von Stephen Chbosky135 Fälle seit 2021:Der Außenseiter Charlie erzählt in Briefen von Freundschaft, erster Liebe, psychischen Krisen und einem lange verdrängten Trauma. Der Coming-of-Age-Roman wurde auch mit Logan Lerman und Emma Watson verfilmt. „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher126 Fälle seit 2021:Nach dem Suizid seiner Mitschülerin Hannah erhält Clay Kassetten, auf denen sie von den Ereignissen berichtet, die ihrem Tod vorausgingen. Weltweit bekannt wurde der Roman auch durch die Netflix-Serie. „Sehr blaue Augen“ von Toni Morrison116 Fälle seit 2021:Die schwarze Elfjährige Pecola glaubt, sie würde mit blauen Augen endlich geliebt. Die spätere Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison erzählt von Rassismus, Armut, Inzest und sexualisierter Gewalt. „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini115 Fälle seit 2021:Vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte Afghanistans erzählt Hosseini von der Freundschaft zweier Jungen, von Verrat, Schuld und dem Versuch später Wiedergutmachung. Der internationale Bestseller wurde 2007 verfilmt. „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood106 Fälle seit 2021:In der fundamentalistischen Diktatur Gilead werden fruchtbare Frauen entrechtet und zur Fortpflanzung gezwungen. Atwoods Roman wurde durch die gleichnamige Fernsehserie einem neuen Millionenpublikum bekannt. „Menschenkind“ von Toni Morrison77 Fälle seit 2021:Die aus der Sklaverei geflohene Sethe wird von ihrer Vergangenheit und vom Geist ihres toten Kindes verfolgt. Toni Morrison erhielt für den Roman 1988 den Pulitzerpreis. „Die Farbe Lila“ von Alice Walker62 Fälle seit 2021:In Briefen erzählt die schwarze Amerikanerin Celie von Gewalt, Unterdrückung und ihrer allmählichen Befreiung. Der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman wurde mehrfach verfilmt und als Musical auf die Bühne gebracht. „Schlachthof 5“ von Kurt Vonnegut59 Fälle seit 2021:Billy Pilgrim überlebt die Bombardierung Dresdens, wird von Außerirdischen entführt und verliert sich in der Zeit. Vonneguts schwarzhumoriger Antikriegsroman zählt zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. „Uhrwerk Orange“ von Anthony Burgess23 Fälle im Schuljahr 2024/25:Der gewalttätige Jugendliche Alex wird einer staatlichen Therapie unterzogen, die ihm den freien Willen nimmt. Der dystopische Roman führte die US-Liste der am häufigsten verbotenen oder beschränkten Bücher des Schuljahrs 2024/25 an. Groff hält dagegenLauren Groff eröffnete 2024 ihre Buchhandlung „The Lynx“, benannt nach den auch in Florida heimischen Luchsen. „Watch us Bite Back“ steht in großen schwarzen Buchstaben an der Außenwand: „Schau zu, wie wir zurückbeißen. “„Dieses Geschäft wäre wahrscheinlich immer noch ein Wunschtraum, wenn all diese Buchverbote nicht passiert wären“, sagte Groff zur Eröffnung derNew York Times. „Ich will nicht an einem Ort leben, wo die freie Meinungsäußerung erstickt wird. “Groff verkauft die beanstandeten Bücher nicht nur. Sie organisiert Leseclubs und verteilt Titel kostenlos an Schulen. Justiz setzt GrenzenDie Justiz setzte der Verschärfung allerdings Grenzen. Im August 2025 erklärte ein Bundesrichter zentrale Teile eines 2023 beschlossenen Gesetzes für zu weit gefasst und verfassungswidrig. Florida ging dagegen in Berufung; das Verfahren läuft. Versuche, Bücher aus Bibliotheken zu entfernen, haben in den USA eine lange Geschichte. Neu ist das Ausmaß. Seit Beginn der 2020er-Jahre ist die Zahl der Beschwerden stark gestiegen – und mit ihr die Zahl jener Bücher, die aus Schulbibliotheken entfernt werden oder nur noch eingeschränkt zugänglich sind. „Das ist eine Krise“, sagt die Informationswissenschafterin Emily Knox von der University of Illinois. „Die Kulturkrieger sind zu den Bibliotheken, Schulen und manchmal auch den Buchhandlungen gekommen. Das hat sich geändert. Die Anzahl ist so nie da gewesen, die Gründe für die Beschwerden sind die gleichen. “Tausende Titel betroffenPEN America registrierte im Schuljahr 2024/25 insgesamt 6870 solcher Fälle an öffentlichen Schulen. Betroffen waren 3743 unterschiedliche Titel. Gezählt werden dabei nicht nur endgültig entfernte Bücher, sondern auch solche, die während einer Überprüfung oder für bestimmte Altersgruppen nicht zugänglich sind. Viele der betroffenen Bücher handeln von Gewalt, Sexualität, Identität, Tod, Trauer oder Missbrauch. Kritiker der Verbote sehen darin einen Angriff auf die Freiheit zu lesen und auf den Zugang zu Informationen und Ideen. Zensurversuche oder Schutz von Jugendlichen: Die konservative Vereinigung „Moms for Liberty“ organisiert Kampagnen gegen vermeintlich gefährliche Bücher. © IMAGO/Dominic GwinnOrganisierter KulturkampfBeschwerden gegen Bücher habe es immer gegeben, schreibt die Bibliothekarin Amanda Jones aus Louisiana in ihrem Bestseller „That Librarian“. Verändert habe sich die Methode. Aus einzelnen Einwänden seien zunehmend organisierte Kampagnen geworden. Aktivistengruppen reichten lange Titellisten ein und setzten Schulbehörden, Bibliothekspersonal und Entscheidungsträger bei öffentlichen Sitzungen und in sozialen Medien unter Druck. Jones erlebte das selbst. Nachdem sie sich öffentlich gegen Bücherverbote ausgesprochen hatte, wurde sie im Internet angegriffen und musste sich schließlich auch vor Gericht gegen Anschuldigungen wehren. Zu den prominentesten Gruppen zählt die 2021 in Florida gegründete konservative Organisation Moms for Liberty. Ihre Mitglieder haben in zahlreichen Schulbezirken Bücher beanstandet. Ähnliche Gruppen tauschen Listen und Argumentationshilfen aus und versuchen, Entscheidungen von Schulbehörden zu beeinflussen. Welche Bücher es trifftDie Auswahl der beanstandeten Bücher folgt dabei einem auffälligen Muster. Besonders häufig betroffen sind Werke mit LGBTQ+-Figuren oder Themen rund um sexuelle und geschlechtliche Identität. Ebenfalls überdurchschnittlich oft geraten Bücher unter Druck, die sich mit Rassismus, Sklaverei, Diskriminierung oder der Geschichte schwarzer Amerikaner beschäftigen. Kritiker sehen darin deshalb längst mehr als einen Streit über einzelne ungeeignete Bücher, sondern sprechen von einer politisch betriebenen Zensurkampagne, die sich vor allem gegen queere Inhalte und gegen eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus richtet. Aus ihrer Sicht ist der Kampf um Schulbibliotheken Teil eines breiteren Kulturkampfs, in dem konservative Gruppen bestimmen wollen, welche Lebensrealitäten und welche Kapitel der amerikanischen Geschichte sichtbar sein sollen. Auch die Gegner der Buchverbote haben sich inzwischen organisiert. Initiativen wie das Florida Freedom to Read Project versuchen, Buchentfernungen zu verhindern und Bibliothekare, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler in solchen Auseinandersetzungen zu unterstützen. Die Vehemenz, mit der gegen manche Bücher gekämpft wird, sagt Emily Knox, zeige auch eines: „Bücher werden ernst genommen“ – „man würde sich gar nicht erst die Mühe machen, zu versuchen, Texte zu verbieten, wenn man nicht denken würde, dass Lesen wichtig ist. “(TT, dpa, APA)

Quelle: tt.com

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