Wie Europa wieder zu einem Versprechen werden könnte
Europa wird von innen geschwächt – und viel zu wenige bekommen es mit. In der neuen Changemaker-Folge des Utopia Podcasts sprechen Katja Sinko und Peter Jelinek mit Chefredakteur Martin Tillich über den Rechtsruck in der EU. Und über überraschend konkrete Ideen, mit denen Europa wieder zu einem Zukunftsprojekt für alle werden könnte.

Europa wird von innen geschwächt – und viel zu wenige bekommen es mit. In der neuen Changemaker-Folge des Utopia Podcasts sprechen Katja Sinko und Peter Jelinek mit Chefredakteur Martin Tillich über den Rechtsruck in der EU. Und über überraschend konkrete Ideen, mit denen Europa wieder zu einem Zukunftsprojekt für alle werden könnte. Europa war lange ein Versprechen: Frieden, Freiheit und gemeinsamer Fortschritt. Heute erscheint die Europäische Union vielen eher als komplizierte Krisengemeinschaft. Die großen Herausforderungen – von der Klimakrise bis zur wirtschaftlichen Unsicherheit – machen nicht an Grenzen halt. Die politischen Antworten werden trotzdem wieder zunehmend national gesucht. Wie kann Europa unter diesen Bedingungen wieder zu einer gemeinsamen Zukunftsidee werden? Darüber spricht Utopia-Chefredakteur Martin Tillich in der neuen Changemaker-Folge mit Katja Sinko und Peter Jelinek. Beide engagieren sich seit vielen Jahren für progressive Europa-, Klima- und Demokratiepolitik. In ihrem Buch „Das beste Europa aller Zeiten“ zeigen sie, wie die europäische Idee wieder im Alltag der Menschen ankommen könnte. Die komplette Podcastfolge:Apple Podcasts,Spotify– und überall, wo es Podcasts gibtDas Gespräch beginnt jedoch mit einer unbequemen Diagnose: Europa wird nicht nur von Rechtsextremen angegriffen. Es wird auch aus seiner politischen Mitte heraus geschwächt. Warum wir so wenig davon mitbekommenEin Grund dafür ist die fehlende europäische Öffentlichkeit. Während in Deutschland fast jeder Satz eines Bundespolitikers diskutiert wird, finden zentrale Entscheidungen in Brüssel oft kaum Beachtung. Wenn konservative Parteien im Europäischen Parlament gemeinsam mit Rechtsaußen-Fraktionen abstimmen, erscheint das hierzulande häufig nur als Randnotiz. Es fehlen gemeinsame europäische Medien, Debattenräume und politische Formate, in denen solche Entscheidungen sichtbar werden. Gleichzeitig wird die EU im nationalen Diskurs oft zum bequemen Sündenbock: Unpopuläre Entscheidungen kommen angeblich „aus Brüssel“, Erfolge werden dagegen der jeweiligen nationalen Regierung zugeschrieben. Das verstellt den Blick darauf, wie stark Europa unseren Alltag bereits prägt – von einheitlichen Produktstandards über saubere Luft bis zur Reisefreiheit. Viele dieser Errungenschaften sind so selbstverständlich geworden, dass wir ihren Wert kaum noch wahrnehmen. Sinko und Jelinek wollen deshalb nicht nur darüber sprechen, was verloren gehen könnte. Sie stellen eine andere Frage: Wie müsste Europa aussehen, damit die Menschen es nicht nur verteidigen sollen – sondern wieder haben wollen?Europa muss im Alltag spürbar werdenIhr Buch versammelt Ideen, die Europa unmittelbar erfahrbar machen sollen. Vieles davon klingt zunächst utopisch, existiert in Teilen aber bereits. Eine dieser Ideen ist eine Europa-Card für den öffentlichen Verkehr. Sie soll grenzüberschreitendes Reisen einfacher und für mehr Menschen bezahlbar machen. Denn Mobilität ist für Sinko nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Frage. Als Beispiel nennt sie das 9-Euro-Ticket. Eine Sozialarbeiterin aus Rostock-Lichtenhagen habe ihr berichtet, dass einige Jugendliche dadurch erstmals ihre Heimatstadt verlassen und Hamburg, Berlin oder Schwerin besuchen konnten. Was wäre möglich, wenn eine solche Erfahrung über Ländergrenzen hinweg für alle zugänglich würde?„Wie wäre es denn, wenn wir wirklich dahin kämen, wieder zu sagen: Mobilität ist für jeden und jede erlebbar, greifbar, machbar?“, fragt Sinko. Eine Europa-Card wäre deshalb mehr als ein günstiges Ticket: Sie könnte Menschen ermöglichen, Europa als gemeinsamen Lebensraum selbst zu erleben, nicht als abstrakte Institution. Ein europäisches Jahr für alleEine zweite Idee ist ein Recht auf Auszeit: Jede Person soll einmal im Leben die Möglichkeit bekommen, für mehrere Monate in einem anderen europäischen Land zu leben, zu arbeiten oder sich weiterzubilden – unabhängig vom Alter und vom Einkommen. Das Vorbild dafür ist einerseits Erasmus. Seit 1987 haben Millionen Menschen daran teilgenommen. Gemessen an etwa 450 Millionen EU-Bürger:innen und fast vier Jahrzehnten erreicht das Programm jedoch weiterhin nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Andererseits verweisen Sinko und Jelinek auf die österreichische Bildungskarenz, die längere berufliche Auszeiten mit finanzieller Absicherung ermöglichte. Aus beiden Ansätzen entwickeln sie die Idee eines „europäischen Jahres“ für alle. Eine Sozialarbeiterin aus Salzburg könnte beispielsweise eine Zeit lang in Schweden leben, dort andere Ansätze sozialer Arbeit kennenlernen und ihre Erfahrungen anschließend in Österreich einbringen. Europa würde so nicht nur Wissen austauschen. Menschen könnten erfahren, wie es ist, selbst fremd zu sein – und wie viel sie trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen miteinander verbindet. Sinko und Jelinek sehen darin auch eine Antwort auf Nationalismus und Vorurteile: Wer andere Länder nicht nur als Tourist:in besucht, sondern dort lebt und arbeitet, betrachtet Europa womöglich mit anderen Augen. Wenn realistische Ideen wie Utopien wirkenDas Bemerkenswerte an diesen Vorschlägen ist: Sie sind weniger unrealistisch, als sie zunächst erscheinen. Kostenloser Nahverkehr, staatlich unterstützte Bildungszeiten und europäische Austauschprogramme gibt es bereits. Sinko und Jelinek denken sie lediglich größer und für mehr Menschen. Vielleicht liegt darin die stärkste Erkenntnis des Gesprächs: Nicht die Ideen sind zu utopisch. Unsere Vorstellung davon, was politisch möglich ist, ist zu klein geworden. Warum aber verlieren realistische Ideen ihre politische Vorstellungskraft? Wie lässt sich Europa gegen den Rechtsruck verteidigen, ohne nur über Krisen und Gefahren zu sprechen? Und kann mehr Begegnung tatsächlich helfen, nationale Vorurteile zu überwinden?Darüber sprechen Katja Sinko und Peter Jelinek mit Utopia-Chefredakteur Martin Tillich in der neuen Folge des Utopia Changemaker Podcasts – über die schleichende Erosion europäischer Errungenschaften, die Kraft konkreter Gegenentwürfe und die Frage, wie Europa wieder zu einem gemeinsamen Zukunftsprojekt werden kann. Jetzt die neue Folge des Utopia Changemaker Podcasts anhörenUnabhängiger Journalismus braucht Menschen, die dahinterstehen - auch in der Google-Suche. Jetzt ein Signal für mehr Nachhaltigkeit setzen und→ Utopia als bevorzugte Quelle hinterlegen. Qualitätsversprechen: Wir nutzen KI als redaktionelles Hilfsmittel. 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